Herzlich willkommen!

Verehrte Schwestern und Brüder, sehr geehrte Damen und Herren,

wie Herr Bischof Peter Bürcher, der Apostolische Administrator von Chur, in seinem Wort zum Palmsonntag  – den entsprechenden Link finden Sie auf unserer Website unter der Rubrik „Unterengadin“ – bemerkt hatte, begann mit diesem Sonntag die Karwoche, die Heilige Woche, es ist eine Leidenswoche. Aber nicht nur für die von der Pandemie geplagten Menschen auf dem ganzen Erdball, sondern vor allem ist das die Leidenswoche Christi, der auch heutzutage in sehr vielen Menschen seinen Kreuzweg immer noch geht. Nicht jedoch das Leid – sagt uns Christus in dieser Woche – ist das Ziel, sondern seine glorreiche Auferstehung, also ein Übergang vom Leid zum Leben ohne Leid und Beschwerden. Auch nach Beendigung der Pandemie werden wir nicht mehr die Gleichen sein wie zuvor, wir werden durch dieses Leid verwandelt…

Die liturgische Tradition der kath. Kirche stellt drei besondere Ereignisse in den Mittelpunkt dieser Tage: den Gründonnerstag mit Begründung des Abendmahls, den Karfreitag und die Auferstehung Christi am Hohen Osterfest. Am Palmsonntag wurde die Passion nach Matthäus in den Kirchen gelesen, am Karfreitag kommt die Passion nach Johannes. Nimmt man noch die weiteren Texte vom Markus und Lukas zur Hand, erkennt man sofort, dass sich die liturgische Tradition zwar auf die Geheimnisse (= die theologischen Inhalte) konzentriert, dabei  jedoch den genauen Zeitablauf, bekannt von den uns geläufigen Gottesdienstgestaltungen, ausser Acht lässt. Bei einer aufmerksamen Betrachtung der Faktenkumulation: das Verhör vor dem Hohen Rat mit mehreren Zeugen, der Hohn von Herodes, der Prozess vor Pilatus, die Geisselung, das Kreuztragen durch die engen Gassen der Stadt bis zur Schädelhöhe macht es kaum vorstellbar, dass all diese Ereignisse innerhalb von wenigen Stunden vollzogen werden konnten, auch bei der gebotenen Eile, denn um die sechste Stunde (unsere 12.00 Uhr zur Mittagszeit) hing Jesus schon am Kreuz. Einige Exegeten vermuten eine Streckung des Martyriums Jesu über mehrere Tage, vielleicht schon seit dem Montag… Ausdrückliche Beweise für eine derartige Darstellung sind allerdings nicht gegeben. Die ausserbiblischen Texte erwähnen Jesus, den Messias, und seine Kreuzigung. Sie benennen auch den Namen von Pilatus. Sie befassen sich aber nicht mit den Verhören und weiteren Details, von denen in den Evangelien berichtet wird. Diese „gestreckte“ Vorstellung des Leidens Jesu korreliert mit den sich schon seit längerer Zeit ziehenden Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie, von deren Ende wir keine sicheren Informationen haben. Was wir jedoch wissen, soll uns Hoffnung machen: am Tunnelende leuchtet das Hohe Osterfest – das ist ein Zeichen des Sieges Christi über die Macht des Bösen.

Selbst, wenn in der katholischen Anschauung das Hohe Osterfest, als das Fest der Hoffnung und des Sieges nach dem Martyrium im Fokus steht, liegt der Akzent bei unseren Reformierten Schwestern und Brüdern auf dem Karfreitag, also dem Tag, an dem Christus sein Erlösungswerk „vollbracht hatte“. Der Augenblick des Kreuzestodes Jesu wird in vielen Übersetzungen unterschiedlich dargelegt: mal als „gab seinen Geist auf“, mal „hauchte“ ihn aus. Ein Blick in die so genannte „kritische“ Ausgabe, also wissenschaftlich fundierte, lässt uns in Joh 19,30 eine viel tiefer gehende Aussage finden. Da heisst es: „παρεδοκεν το πνευμα“ (paredoken to pneuma). Da ist nichts vom Aushauchen oder Aufgeben des Geistes zu spüren, sondern von der Weitergabe. Eigentlich sinnvoll wäre hier eine Übersetzung mit „gab seinen Geist weiter“. Zu Recht stellt sich dann die Frage, an wen Christus seinen Geist weitergegeben hat? Die Antwort können wir sofort erteilen: er gab seinen Geist an diejenigen weiter, die unter dem Kreuz standen, also an diejenigen, die nicht aus Neugierde oder blosser Schaulust am Golgotha zugegen waren, sondern an gläubige Menschen, die ihr Schicksal mit seinem Schicksal verbunden haben, also an die unter dem Kreuz versammelte kleine Kirche, die verängstigt, zusammengebrochen, aber dennoch betend hoffnungsvoll mit Christus verbunden war. Lasst uns diesen Geist Jesu Christi tief einatmen in der ganzen Karwoche und mit ihm und untereinander im Gebet verbunden bleiben.

Spontan kommt mir ein Gebet über die Lippen:

Allen, die starben infolge der grausamen Krankheit sei gnädig und lass sie auferstehen zum ewigen Glück bei dir. Heile die Kranken, gib ihnen Mut und Zuversicht, schenke Deinen Geist den Verängstigten und Verzagten, sowie den unter der Einsamkeit leidenden. Segne alle, die sich der Erkrankten annehmen und vergelte ihre Mühe mit Deinen Gaben. Lass uns alle wachsen durch die Kraft Deines Kreuzes und behüte unsere Verwandten und Bekannten. Verzeihe jedes Leid, das wir durch unvorsichtiges Handeln oder unbedachte Worte angerichtet haben und repariere, was dringend reparaturbedürftig ist, denn Du bist das Leben, Du bist der Sieger, der jede Ohnmacht stützen kann und das Kreuz, ein Zeichen der Schande in das Zeichen der Auferstehung und des Sieges verwandelt. Lass uns zur Normalität zurückkehren.

Ihnen allen, verehrte Leserinnen und Leser, darf ich eine gute, unsere Machtlosigkeit heilende Karwoche wünschen.

Praktischer Hinweis: am Karfreitag schweigen die Kirchenglocken in der kath. Kirche. Sie ertönen wieder zum Gloria der Auferstehungsmesse am Samstagabend, an dem in der kath. Kirche schon als Vorabendmesse das Osterfest gefeiert wird. Wie bereits mehrmals publiziert, finden alle diese Termine hinter verschlossenen Kirchentüren statt. Verbinden wir uns in Gedanken und unseren stillen Gebeten mit Christus, der auch heutzutage handelt, und allen Seelsorgern, die derzeit überall die heilige Liturgie stellvertretend für uns alle alleine zelebrieren. Seien wir von Zuhause her geistig dabei. Seien wir gewiss: für Jede und Jeden von uns wird da gebetet!

Christoph Willa

06.04.2020

 

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