Herzlich willkommen!

Liebe Schwestern und Brüder,

Alte Uhren haben getickt. Von den neuen Uhren ticken nur die sehr teueren. Und selbst, wenn meine batteriebetriebene Uhr nicht tickt, misst sie die Zeit nicht weniger genau und überrascht mit ihrer unbarmherzigen Zähigkeit, die keine Rücksicht auf externe Entwicklung nimmt. Möglicherweise trifft das nur bei mir zu, dass der Wecker immer zu früh bellt (früher hat er geläutet), oder der Tag schon wieder vom Abend verschluckt wird. Ich würde wetten, dass es zumindest einem verehrten Leser ebenso ergeht, wie mir. Selbst, wenn die UEFA-Uhr ein Jahr lang stehen geblieben ist (die erst jetzt ausgetragen Fussballspiele gehen doch auf Konto von 2020), haben die maskierten Tage und Monate den kalendarischen Sommer 2021 längst erreicht. Hätte jemand vor zwei Jahren versucht, maskiert in eine Bank hineinzugehen…

Eben, seit der vergangenen Woche haben wir den kalendarischen Sommer. Wir brauchen nicht mehr zu heizen, es sei fast geboten, kurzärmlich an die frische Luft zu gehen. Das sollten wir wirklich machen nicht nur, um Einkäufe zu besorgen oder den beruflichen Trott zu absolvieren, sondern um uns den Luxus zu gönnen: die Natur, die allerdings manchmal auch zu Recht als Schöpfungswerk bezeichnet wird, zu bestaunen. Das „Jetzt“ wahrzunehmen sei empfohlen, nicht erst nach der Pensionierung, um inne zu halten und vielleicht die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens aufzuwerfen. Jedes Leben hat eben einen tiefen, einmaligen und unverwechselbaren Sinn, den zu entdecken gilt.

Niemand von uns ist eine Uhr, die tickt, und wenn sie nicht mehr schnell genug tickt, muss sie von einem anderen „tickenden“ Arbeitnehmer/Unternehmer ersetzt werden (oder von einem Oligopol geschluckt werden). Wir sind einmalig in Gottes Schöpfungsplan und von uns alleine hängt es ab, ob wir mal anhalten, inne halten – wie die UEFA, oder im Hamsterrad weiter rennen.

Das Innehalten stoppt zwar nicht die Uhr, es eröffnet eigene Horizonte und erweitert diese. Beim Bestaunen eines Sonnenuntergangs an einem Meeresstrand fragte ich mich immer wieder als Kind: Was ist dort, wohin die Sonne hingegangen ist – ich kann dorthin jetzt nicht schauen… Das „Nichtschauen können“ verneint die Existenz der Ewigkeit keineswegs. Diese ist da: mit Sicherheit ohne Masken und ohne anderweitige Einschränkungen.

Die meisten Uhren ticken nicht (mehr). Sie laufen geräuschlos vor sich hin, blättern die Seiten im Kalender weiter, niemals zurück. Sie blättern Chancen, glücklich zu sein und anderen Menschen die innige Freude zu schenken um. Also doch, Horaz (Carpe diem) soll Recht haben? Befreit man seine Erkenntnis von der hedonistischen Unterstellung Epikurs ist Nutzung des Augenblicks durchaus gottgewollt und menschenwürdig.

Den Schülern – glückliche Ferien, allen Urlaubern leistungsfreie Erholung, den Berufstätigen viele Augenblicke der Freude

Ihr Pfarrer
Christoph Willa (23.06.2021)